Strafe und Rache.

In den USA herrscht zur Zeit ein de facto-Moratorium der Todesstrafe, da der Oberste Gerichtshof 2008 über die Verfassungsmäßigkeit der Hinrichtung durch die Giftspritze entscheidet. Es steht zur Debatte, ob diese Methode einer “grausamen und außergewöhnlichen” Strafe gleichkommt und damit dem 8. Zusatzartikel zur US-amerikanischen Verfassung zuwiderläuft.

Was geht uns das an?

Wir wollen diese Meldung zum Anlaß nehmen, die Zusammenhänge zwischen Strafe und Rache zu beleuchten. Beginnen wir mit der Strafe. Warum straft eine Gesellschaft die Verletzung ihrer Gesetze? Wir nähern uns der Antwort an, indem wir zuerst sagen: Damit sich eine Wirkung in Bezug auf den Delinquenten zeige. Es darf bei der institutionalisierten Strafe davon ausgegangen werden, daß die intendierte Wirkung darin besteht, eine unerwünschte Handlung künftig zu unterbinden. Hier läßt sich nach individueller und kollektiver sowie akuter und latenter Wirkung unterscheiden:

akut latent
individuell Schutz vor dem Delinquenten durch dessen Isolation (präreflektive Phase, aktiv, allein) Schutz vor dem Delinquenten durch dessen Verhaltensänderung (postreflektive Phase, passiv, allein)
kollektiv Schutz vor Nachahmern durch Abschreckung (präedukative Phase, passiv, allein) Schutz vor Nachahmern durch Kognition (postedukative Phase, aktiv, gemeinsam)

Solange eine akute Gefahr von einem Individuum ausgeht, kann diese durch die räumliche Isolation des Delinquenten von der Gesellschaft (z.B. in einem Gefängnis) gebannt werden. Soll das Individuum jemals wieder Mitglied der Gesellschaft werden, muß es sein Fehlverhalten verstehen und künftig unterlassen.

Was bedeutet das für die individuelle Strafe?

Das Wegsperren ist demnach als unmittelbarer Schutz sinnvoll - doch es führt langfristig nur sehr mittelbar zu einer Verhaltensänderung, insofern es lediglich einen sicheren Rahmen bereitstellt, in dem Reflektion über die eigenen Handlungen geschehen kann. Dabei spielt es für die Gesellschaft zuerst keine Rolle, ob die in der postreflektiven Phase eingetretene Verhaltensänderung auf einer (Re-)Kalibrierung mit den allgemeinen Werten oder schlicht auf dem Wunsche, die unangenehme Erfahrung der Strafe nicht wieder durchleben zu müssen, fußt. Die Gesellschaft verfolgt also für den Einzelnen bei seiner Bestrafung vorrangig keine psychagogischen, sondern behavioristische Ziele. Kann von einem zu bestrafenden Individuum keine Verhaltensänderung erwartet werden, steht die Gesellschaft vor der Wahl, das Individuum dauerhaft zu isolieren oder zu töten. An dieser Stelle sollen diese Optionen jedoch noch nicht näher erörtert werden.

Bei den kollektiven Wirkungen dahingegen verhält es sich anders. Die Strafe soll als Androhung negativen Erlebens zuerst andere davor abschrecken, dieselbe Übertretung wie der Bestrafte zu begehen. Oder anders formuliert: Der etwaige Wunsch weiterer potentieller Delinquenten, eine sanktionierte Tat zu begehen, soll unterdrückt werden. Es findet also keine Erziehung, sondern eine Konditionierung statt. Erst wenn sich ein gesellschaftlicher Diskurs über einen an gemeinsamen Werten ausgerichteten Lebensentwurf ereignet hat, in dem die ehemals ausgesprochene Strafe nur noch als Erinnerung an ein verworfenes Wertesystem fungiert und die Tat zur Unkultur wird, hat die Gesellschaft sich weiterentwickelt.

Welche Rolle spielt nun Rache in diesem Komplex?

Wir wollen den Wunsch nach Rache als das Verlangen definieren, Leid mit Leid zu vergelten. Es soll nicht Gegenstand dieses Essays sein zu ergründen, woher dieser Wunsch rührt. Entscheidend ist vielmehr, daß Rache nicht den Zweck verfolgt, künftigen Schaden abzuwenden, sondern vielmehr, entstandenen Verlust auszugleichen. Sie ist somit ein Weg, Gerechtigkeit herzustellen. Während Strafe also das Fortbestehen der Gesellschaft sichert, erfüllt das Leid des Bestraften das Bedürfnis nach Gerechtigkeit.

In der reinen Selbstjustiz sind die Prinzipien der Strafe und der Rache vereint. Die Rache des Opfers ist zugleich die Strafe des Täters. Naturgegeben ist es in der Selbstjustiz unmöglich, die Schwere der Strafe für jedes Vergehen vorher allgemeinverbindlich festzulegen, da ein jeder Geschädigter selbst definiert, wie der Schädiger zu bestrafen ist, so daß für zwei vergleichbare Vergehen völlig unterschiedliche Strafen verübt werden können. Ja, es ist sogar unmöglich, überhaupt allgemeingültige Gesetze zu erlassen, da auch die Definition dessen, was eine strafwürdige Handlung konstituiert, jedem einzelnen überlassen bleibt. Es herrscht mithin Anarchie oder, wenn man möchte, ein gesellschaftsloser Zustand. Das ist insofern besonders interessant, als sich das Rollenmodell von Opfer und Täter auflöst. Die Strafe ist zugleich Vergehen und umgekehrt.

Die Trennung von Strafe und Rache ist eine notwendige Folge der verbindlichen Regulierung des gemeinsamen Zusammenlebens. Sobald die Gesellschaft sich einen Kodex auferlegt, der unerwünschtes Verhalten benennt und fallübergreifend vergleichbar sanktioniert, entstehen die Rollen von Opfer und Täter, wobei das Opfer nicht mehr in der subjektiv als angemessen erachteten Weise den Täter bestrafen kann, sondern an die im Kodex aufgeführte Art der Strafe gebunden ist. Die Härte der Strafe setzt der Erfüllung der Rache des Opfers somit Grenzen oder anders formuliert: Rache ist eine abhängige Funktion der Strafe.

Die Todesstrafe kann keinen der oben aufgeführten Zwecke der Strafe besser erfüllen als lebenslanges Gefängnis dies könnte. Es gibt eine Vielzahl an Untersuchungen, die insbesondere hinsichtlich der Abschreckungswirkung kein einheitliches Bild zeichnen. Insofern die Todesstrafe aber eine härtere Strafe als lebenslanges Gefängnis darstellt, gestattet sie ein größeres Maß an Rache. Die Frage ist: auch Gerechtigkeit? Es mag manchem schwer fallen, sich einem solchen Schluß zu stellen. Man denkt an Justizirrtümer, an Menschenrechte. Doch warum gibt es die Todesstrafe dann seit Urzeiten und selbst heute noch, in den modernsten Gesellschaften, wenn sie doch ungerecht ist? Hat es noch niemand bemerkt?

Die Antwort liegt wohl im Verhältnis von Strafe und Rache. Insoweit Rache subjektiv vollzogene Genugtuung an der Strafe ist, ist sie gerecht. Eine wichtige Rolle spielt das Wort “subjektiv”: Es muß keinem gesellschaftlichen Maßstab Stand halten, sich nicht vor dem Kollektiv legitimieren, nicht nachvollziehbar sein. Ob eine Gesellschaft die Todesstrafe verhängt oder nicht, wird somit von ihrer Bereitschaft entschieden, der Rache oder: subjektiven Gerechtigkeit Raum zu lassen. Es ist meine feste Überzeugung, daß wir das Maß dieses Raumes nicht für jede Gesellschaft verbindlich vorschreiben sollten.

21 November 2007 | Weltweisheit | Comments

2 Antworten auf “Strafe und Rache.”

  1. 1 Excitement27 5 April 2010 @ 11:21 am

    Excitement27…

    http://www.indekavs.pun.pl/profile.php?id=19 I think…

  2. 2 trudgewater 8 April 2010 @ 9:11 pm

    trudgewater…

    http://www.firstalert.net.au/index.php/member/48/ edgy…

Kommentar:

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